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Leseprobe aus dem Autorenkreis |
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| Wolfgang Krimmling Die Brücke Wenn man es genau nimmt, handelt es sich gar nicht um eine Brücke. Es ist eigentlich nur ein Steg und nicht so groß und bedeutungsvoll wie eine Brücke. Brücke klingt aber schöner und eben bedeutungsvoller. Brücken und Stege führen über etwas hinweg; meist ist es Wasser. Und das war auch bei uns der Fall, nämlich über das Wasser in unserem Gartenteich. Der ist mäßig tief, länger als breit und dabei so breit, dass man die Mitte des Gewässers bei notwendigen Pflegemaßnahmen nicht erreichen kann. Über Jahre mühte ich mich mit einer Baubohle ab, die gerade den Teich überspannte. Weil sie jedoch nur schmal war, kaum dreißig Zentimeter breit, war das eine ziemlich wacklige Angelegenheit. Außerdem bereitete es mir zunehmend Mühe, die schwere Bohle über den Teich zu legen und nach Erledigung der Arbeiten wieder zu entfernen. Also blieb sie einfach liegen. Das bekam mir nicht gut wegen der Ansicht und der Bohle ebenfalls nicht, weil Feuchtigkeit von unten und Sonne von oben keinem Holzbrett, und ist es auch noch so dick, gut tun. Also musste eine Lösung gefunden werden. Nach wochenlangen Debatten stand fest, dass es etwas Dauerhaftes sein sollte. Ein einfacher Steg kam nicht in Frage; das schien uns zu primitiv. Eine hübsche kleine Gartenteichbrücke könnte die Lösung sein. Das rief nach einigem gemeinsamen Bedenken meine Frau auf den Plan, denn um den Teich herum war im Laufe der Jahre eine schöne Blumenrabatte entstanden mit sehr ansehnlichen und teilweise seltenen Pflanzen. Diese Blumenrabatte hat mittlerweile so etwas wie den Status eines Familiengartenkulturerbes erhalten und darf durch die Brücke natürlich nicht beeinträchtigt werden, wobei jede Beeinträchtigung diskussionslos und unnachsichtig einer Verschandelung gleichgesetzt wird. Ich fertigte Skizzen an, Zeichnungen mit machbaren Vorschlägen und legte sie zur Begutachtung vor. Bedenklichkeit und immer deutlicher werdende Ablehnung waren das Ergebnis, bis hin zu der Frage, ob es denn überhaupt eine Brücke sein müsse, denn bisher wäre es doch auch ohne gegangen. Mitten in diese Diskussion kam mein Nachbar dazu, ein allseits anerkannter Naturfreund und Schützer. Er war der Auffassung, dass ja zu einer Brücke auch eine Zuwegung gehört und deshalb in die Blumenrabatte zumindest ein paar Gehwegplatten gelegt werden müssten, die bestimmt dem Charakter der Rabatte schaden würden. Außerdem sei zu viele Pflege für den Teich gar nicht gut; es wäre besser, wenn er sich zu einem richtigen Biotop entwickeln könne. Er würde auf keinen Fall so eine Brücke bauen und fände es auch bei uns nicht gut. Meine Frau, bisher noch schwankend, war nun auch gegen die Brücke, und ich hatte jetzt schon gegen ein Bündnis zu kämpfen. Mitten in die Diskussion hinein platzte mein Sohn. Nachdem wir ihn aufgeklärt hatten, um was es ging, meinte er zu mir gewandt: „Wenn du so eine Brücke oder einen Steg brauchst, dann musst du es einfach bauen. Man kann doch nicht, nur weil sich ein bisschen die Sicht verändert, alles immer so lassen wie es gerade ist. Dann würde es ja überhaupt keinen Fortschritt geben.“ Nun standen sich gewissermaßen schon zwei Bündnisse gegenüber. Meinem grünen Nachbarn und meiner Frau mit ihren Bedenken zur Beeinträchtigung ihrer Blumenrabatte war von den Gesichtern abzulesen, dass sie mit dieser Meinung keineswegs einverstanden und gewillt waren, auch nur einen Deut von ihrer Meinung abzugehen. Inzwischen war mein anderer Nachbar, dem ich immer helfen musste, wenn an seinem Zaun etwas zu reparieren war, der aber stets einen guten Rat für andere parat hatte, am Gartenzaun erschienen und grüßte freundlich herüber. Ich bat ihn herein, und wir weihten ihn in die Problematik unserer Debatte ein. Er machte ein nachdenkliches Gesicht und sich mit der örtlichen Situation vertraut. Dann meinte er, nachdem ich ihm auch noch eine Zeichnung, wie ich mir die Brücke vorstelle, vorlegte: „Natürlich verdeckt so eine Brücke den Blick auf die Teichrosen dort im hinteren Teil des Teiches, die ich besonders schön finde.“ Er überlegte eine Weile und machte dann folgenden Vorschlag: „Dass du dort etwas brauchst, worauf du stehen kannst, wenn du den Teich säubern musst, sehe ich ein. Wie wäre es denn, wenn du in der Mitte einen Damm aus Beton* baust, auf dem du bequem stehen kannst?“ Und als er die Abwehr auf allen beteiligten Gesichtern sah, fügte er eilig hinzu: „Ich meine natürlich einen Damm unter der Wasseroberfläche, den man kaum sieht und über den die Fische einfach hinwegschwimmen können. Natürlich ginge das nur in Gummistiefeln oder barfuß im Sommer, wenn es warm ist.“ Wir schauten uns nur an, und plötzlich hatten alle etwas Wichtiges vor und ließen mich mit meinem Brückenproblem allein. Ich holte mir eine Flasche Bier mit dem Semperopernbild auf dem Etikett und machte mich an die Arbeit. Es dauerte noch einige Zeit, bis ich eine kostengünstige und für mich auch machbare Lösung gefunden hatte. Nach knapp drei Tagen war meine Brücke über den Gartenteich dann fertig, ohne störendes Geländer, ein gerades Mittelteil mit schrägen Anläufen auf beiden Seiten, flach das Wasser überspannend und breit genug für sicheres Arbeiten. Und wie zur Versöhnung stellte meine Frau ein hübsches Blumenarrangement in einem Weidenkorb darauf. Das verdeckt allerdings ein wenig die Sicht auf die Teichrosen, sieht aber wirklich hübsch aus. Oft kann man nun von Besuchern hören: „Das ist aber ein guter Einfall mit der Brücke über den Teich; wirklich hübsch.“ Und keiner sagt „Steg“ dazu und weiß, dass sie eigentlich nur zur Arbeitserleichterung gebaut wurde. |
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