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Leseprobe aus dem Autorenkreis |
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| Lothar Trampau: Die alte Frau am Zaun Ich wollte nur eine kleine Runde gehen, an diesem späten Vormittag, mich ein wenig bewegen, nachdem ich drei Stunden am Schreibtisch gesessen hatte. Die kleinen Spaziergänge nutzte ich immer, um die Umgebung des Hauses kennen zu lernen, in dem ich seit kurzer Zeit wohnte. Zuerst lief ich die Straße entlang, mit dem Vorsatz, später in einen Weg einzubiegen, der zur Elbe führt. Noch bevor ich die Straße verlassen hatte, wurde ich auf eine alte Frau aufmerksam, die im Vorgarten eines der Zwei-Familien-Häuser, auf der anderen Straßenseite stand. Sie rief mir etwas zu, was ich nicht verstand. Aber ihre Handbewegungen waren eindeutig, sie forderte mich auf, zu ihr auf die andere Straßenseite zu kommen. Vorstellen konnte ich mir nicht, was die alte Dame von mir wollte, schließlich hatte ich in diesem Stadtteil noch keine Bekannten. Aber ich folgte ihrer Aufforderung, ging über die Straße und zu der Stelle, an der sie mich, hinter dem Zaun stehend, erwartete. Es war eine Frau mittlerer Größe, sehr schlank, fast mager, mit noch vollem, weißem Haar. Dem von Falten zerfurchten Gesicht sah man an, dass sie früher einmal recht hübsch gewesen sein musste. Ihr Alter schätzte ich auf etwa 80 Jahre, sie konnte aber auch älter gewesen sein. Begleitet war sie mit einer bunten Wickelschürze, wie sie früher die Frauen zu Hause trugen. Sie sah mich bittend an und sagte: „Junger Mann“, das sagte sie zu mir, dem 68 jährigen, „Junger Mann, lassen Sie mich bitte raus. Die sperren mich hier immer ein.“ Ich war überrascht und brauchte erst einige Sekunden, um die Situation zu erfassen. Dann versuchte ich sie zu beruhigen: „Sie müssen schon hier im Garten bleiben. Draußen auf den Straßen ist zuviel Verkehr.“ Und mit der Absicht sie ein wenig aufzuheitern fügte ich lächelnd hinzu: „Schließlich sind Sie auch nicht mehr die Allerjüngste.“ Aber sie konnte darüber nicht lachen und ich merkte an ihren Augen, die Argumente drangen nicht bis in ihr Bewusstsein. Sie sah mich mit einem hilflosen und verständnislosen Gesichtsausdruck an. Sie wollte wohl heraus aus ihrer eingegrenzten Welt, glaubte, dass ihre Not an der räumlichen Beschränkung liegen würde. Ich betrachtete sie näher und bemerkte in ihrem lieben Oma-Gesicht die Qual, die ihr der Versuch bereitete, ihre Situation begreifen zu wollen. Sie muss mit meiner Reaktion auf ihre Bitte nicht zufrieden gewesen sein, denn sie schob ihre rechte Hand durch die Zaunlücke, fasste nach meiner Hand und drückte sie. Sie hat geglaubt, dass ich sie nicht verstanden hätte oder dass mir ihre Lage gleichgültig wäre und wollte mit dem Händedruck ihrer Bitte Nachdruck verleihen. Und wieder traf mich dieser Blick, dieser demütig-bittende, fast bettelnde Blick, mit dem sie um Hilfe bat. Sie begriff einfach nicht, warum sie das Grundstück nicht verlassen durfte. Immer noch hielt sie meine Hand fest. Ihr war wohl jede Erinnerung an ihr früheres Dasein verloren gegangen. Sicher hatte sie ein ausgefülltes Leben geführt, neben ihrer Arbeit den Haushalt geschafft und Kinder aufgezogen. Warum war sie jetzt eingesperrt? Sie hatte sich doch nichts vorzuwerfen. Sie wusste nicht, dass sie von dem Unglück betroffen war, das vielen alten Menschen wiederfährt, dem Unglück, im Alter allmählich den Verstand zu verlieren, den sie während Kindheit und Jugend so mühsam erworben hatten. So erlebte sie die Qual der Kreatur, die Zwängen unterliegt, die sie nicht mehr begreifen und gegen die sie sich nicht mehr wehren kann. Ich begann wieder mit ihr zu sprechen und versuchte meiner Stimme einen warmen, beruhigenden Klang zu geben, in der Hoffnung, dass sie mit dem Gefühl aufnehmen kann, was sie mit dem Verstand nicht mehr erfassen konnte. Aber mein Bemühen war wohl vergeblich. Sie seufzte tief und schüttelte den Kopf. Stumm sah sie mich noch einmal traurig an. Dann ging sie mit gesenktem Kopf langsam zum Hauseingang zurück. Bedrückt lief ich den Weg zur Elbe hinab. |
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